Ushuaia – Am Ende der Welt

Morgens um neun Uhr schultern wir unsere Rucksäcke und laufen zum Parkplatz, an dem unser Bus nach Ushuaia abfährt. Wie sich herausstellt, ist der Bus bis auf uns und eine internationale Reisegruppe komplett leer und so machen wir uns breit. Das ist mal eine willkommene und gemütliche Abwechslung. Die Zeit erschlagen wir mit gelegentlichen Blicken nach draußen (die Landschaft ändert sich kaum, wir fahren durch die endlose Steppe) und Netflix. Nach einer Stunde kommen wir am kleinen Fährhafen an, an dem die Fähre schon wartet und setzen auf die Isla Grande Tierra del Fuego über. Die Insel ist die größte Insel Südamerikas und bildet gemeinsam mit weiteren Inseln das Archipel Feuerland an der südlichsten Spitze Südamerikas. Die bekannteste Insel des Archipels dürfte die Isla Horn mit dem Kap Horn sein. Entdeckt wurden die Inseln von Ferdinand Magellan, der Feuerland seinen Namen wegen der vielen dort brennenden Feuer gab, die er vom Schiff aus beobachtete. Diese wurden von den nativen Völkern der Selk’nam und Yaghan entzündet, die leider im Laufe der unrühmlichen Kolonisierungsgeschichte größtenteils dezimiert wurden.

Die Fährfahrt dauert nur eine halbe Stunde und wir glauben Pinguine in den Wellen zu entdecken. Diese sind aber wohl doch nur Kormorane, so werden wir später lernen, die aber ganz ähnlich aussehen wie Pinguine. Im Anschluss geht es weiter über den sehr flachen chilenischen Teil der Insel bis wir nach zwei Stunden an einer Estancia halten, die jetzt ein kleiner Rastplatz ist. Ein letztes Mal ärgern wir uns über die hohen Preise in Chile und freuen uns wieder auf Argentinien. Gegen 13 Uhr erreichen wir den chilenischen Grenzposten und werden ohne viel Aufhebens aus dem Land gelassen. Wenige Kilometer später stoppen wir am argentinischen Pendant und als wir aussteigen, pfeift uns der berühmte Wind Feuerlands um die Ohren. Es scheint fast als könne man sich dagegen lehnen ohne umzufallen. Wenig später geht es dann weiter durch die auch hier ebenso flache, wie karge Graslandschaft. Der Blick bleibt jedoch immer wieder an durch die Gegend springenden Guanakos und gemächlich stolzierenden Nandus (Straußenvögel) hängen. Ann sieht sogar einen Fuchs. Immer wieder sehen wir außerdem Gerippe in den kilometerlangen Zäunen hängen. Wahrscheinlich haben sich hier Guanakos verfangen. Der letzte Teil der Strecke führt uns dann vorbei an Bergseen, über kurvige Straßen durch und über die Berge und letztlich wieder hinunter zur Küste. Dort erstreckt sich Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt. Überraschend stellen wir fest, dass wir schon nach zehn statt der angekündigten zwölf Stunden da sind. Daher sparen wir uns ein Taxi und springen an einer Ampel einige Kilometer vor dem Busterminal aus dem Bus. Von hier aus laufen wir etwa 500 m einen Berg hoch, wo etwas außerhalb des Zentrums unsere Unterkunft liegt. Die Gastgeberin ist überrascht, uns so früh zu sehen, normalerweise bräuchten die Busse eher 15 oder mehr Stunden. Manchmal kann nämlich die Fähre wegen heftiger Winde nicht fahren. Man kann ja auch Mal Glück haben! Trotzdem müde holen wir uns in einem Schnellimbiss nebenan Pizza und ein Steaksandwich und hauen uns aufs Ohr.

Unseren ersten Tag in Ushuaia verbringen wir mit dem erkunden der Stadt. Wir müssen Geld besorgen und laufen dafür ein ganzes Stück weit bis ans andere Ende des Ortes. Auf dem Rückweg folgen wir der Küste bis wir an einem kleinen Strand einen großen Seeelefanten entspannen sehen. Wir sind uns erst nicht sicher, ob es eine riesige Robbe oder ein riesiger Seelöwe ist, die Nachfolgende Recherche gibt jedoch Aufschluss. Seeelefanten sieht man hier tatsächlich hin und wieder, aber selbst bei einer Bootstour ist der Anblick nicht garantiert. Wir freuen uns und halten eine umfangreiche Fotosession ab. Weiter geht’s entlang der Promenade, an deren Ende wir nicht nur eine Pinguintour buchen, sondern auch das obligatorische Foto vor dem ,,Ushuaia – Fin del Mundo“-Schild (übersetzt ,, Ushuaia – das Ende der Welt“) machen. Ein wenig Stolz sind wir schon, haben wir doch die über 10.600 km vom nördlichsten Punkt des südamerikanischen Kontinents in Kolumbien bis hier zum südlichster Punkt nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Das wollen wir feiern, also treffen wir uns Abends auf ein paar Bier mit Manon und Theo aus Frankreich, die das gleiche geschafft haben. Später kommt noch Twan dazu. Und so treffen wir hier am Ende des Jahres am Ende der Welt tatsächlich einige Leute aus den vergangenen zehn Monaten wieder.

Seeelefant in Ushuaia

Unser zweiter Tag in Ushuaia hält übles Wetter für uns bereit. Der teils heftige Regen scheint kein Ende finden zu wollen. Da wir aber auch nicht den ganzen Tag im Bett verbringen möchten, machen wir uns gegen Mittag zu einem Spaziergang ins Zentrum auf. Unsere Unterkunft ist ein Homestay bei einer netten Familie, aber leider 30 Minuten außerhalb. Also kommen wir klatschnass und kalt im Zentrum an. Im Museum Fin del Mundo ist es zum Glück warm und die kleine Ausstellung lädt immerhin für eine knappe Stunde zum Verweilen ein. Das Ticket gilt aber auch noch für ein zweites Museum, das dem Schiffsunglück der Monte Cervantes gewidmet ist. So sind wir dann wenigstens trocken, als wir uns jedes Detail durchgelesen haben. Jetzt haben wir aber auch Hunger, also gehen wir hinunter zum Hafen und stellen uns vor dem noch geschlossenen Restaurant El Viejo Marino in die Warteschlange. Es dauert noch eine halbe Stunde bis zur Öffnung, trotzdem sind wir nur die Dritten in der Schlange. Bis wir dann endlich hinein können, ist die Schlange so lang, dass das Restaurant schlagartig voll ist. Wer es nicht mit der ersten Runde rein geschafft hat, muss noch draußen warten bis die ersten fertig sind. Die Warteschlange wird jedenfalls eher länger als kürzer. Die Kellner kennen das Spiel und servieren jedem Tisch effizient, aber dennoch freundlich die hiesige Spezialität: riesige Königskrabbe. Diese ist der Grund für das Anstehen, kann man diese wirklich leckere Delikatesse nur hier zu einigermaßen bezahlbaren Preisen essen. Die Krabben dürften dem regelmäßigen DMAX Zuschauer der Zehnerjahre bekannt vorkommen und sind wirklich groß. Wir werden jedenfalls gut satt.

Am nächsten Morgen brechen wir mit Sack und Pack um sieben Uhr auf zur Pinguintour. Unsere Rucksäcke können wir im Büro des Veranstalters lassen, da wir im Anschluss an die Tour das Hostel wechseln. Zu Silvester wollen wir näher am Zentrum sein. Heute ist das Wetter zum Glück besser. Geradezu perfekt für eine Bootstour. Zunächst fahren wir per Bus nach Puerto Almanza, ein kleines Fischerdorf bestehend aus drei Häusern und einer Handvoll Restaurants südlich von Ushuaia. Hier bieten sich uns nicht nur spektakuläre Ausblicke über den Beaglekanal, sondern hier liegt auch unser überdachtes Zodiac (Schlauchboot). Mit zwanzig Passagieren zwängen wir uns unter die Überdachung, denn der Wind ist kühl und durch die Wellen wird es draußen nass. Nach einer halbstündigen Fahrt kommen wir an der Isla Martillo an. Eine Horde Magellanpinguine begrüßt uns schon plantschend im Wasser. Am Strand warten viele weitere der drolligen Tiere. Wir fahren bis auf den Strand heran und die Pinguine kommen neugierig ganz nah und wir beäugen uns gegenseitig. So nah und die dieser Vielzahl haben wir auf dieser Reise Pinguine noch nicht gesehen. Etwa eine halbe Stunde beobachten wir gespannt das Treiben, als ein anders aussehender Pinguin, der deutlich größer ist als die übrigen, watschelnd heranstolziert kommt. Es ist ein Eselspinguin und wir freuen uns einen Vertreter dieser Art hier zu sehen. Sonst ist diese Art nämlich nur in der Antarktis beheimatet. Wir fühlen uns wie mitten in einer Fernsehdokumentation. Nach etwa einer Stunde fahren wir weiter entlang der Steilklippen, die über und über mit Nestern von Felskormoranen besetzt sind. Auf der Rückfahrt halten wir außerdem noch kurz bei einem Felsen mit einer Seelöwenkolonie. Wieder in Puerto Almanza angekommen, fängt es an zu regnen und so geht es die ganze Rückfahrt fast bis nach Ushuaia. Erst hinter der letzten Kurve reißt es auf und so bringen wir kurz unser Gepäck ins neue Hostel und laufen im Anschluss noch zu einem Flugplatz mit toller Aussicht auf die Stadt. Dort erleben wir einen Heiratsantrag mit eigens dafür engagierten Fotographen. Wir wünschen dem Paar viel Glück und kämpfen uns durch den jetzt sehr starken Wind wieder zurück zum Hostel.

Eselspinguinen unter Magellanpinguinen, Ushuaia

Am nächsten Tag wollen wir vormittags, obwohl Silvester ist, noch in den Nationalpark Tierra del Fuego, um hier zu wandern. Spontan schließen sich uns Lisa und Valentin an, weshalb wir nicht bis zum Eingang Hitchhiken, sondern uns ein Taxi teilen. Über unser Hostel kontaktieren wir Mari, die mit ihrem Privatauto Fahrten mit Touristen macht, um sich einige Pesos dazu zu verdienen. Das Problem ist nur, dass Privatautos keine Passagiere in den Park bringen dürfen (herzlichen Dank an die Taxilobby!). Also lässt sie uns knappe zweihundert Meter vor dem Tor raus und fährt alleine in den Park, während wir laufen. Zweihundert Meter nach dem Eingang sammelt sie uns dann wieder ein, um uns zum Ende des Park zu bringen. Von hier wollen wir etwa 15 km wieder zurück laufen in Richtung Eingang. Aber zunächst stoppt Mari, mit der wir uns die ganze Zeit nett unterhalten, noch an der Station des Zuges am Ende der Welt, wo wir einige Fotos der Dampflok machen können. Später lässt sie uns dann am Ausgangspunkt unserer Wanderung raus, nachdem wir eine Uhrzeit zum Abholen ausgemacht haben. Bevor wir losfahren, schießen wir noch das obligatorische Foto am Schild zum Ende der Ruta 3. Damit haben wir dann auch den südlichsten Punkt der Panamericana erreicht. Die anschließende Wanderung führt uns von dort entlang der Küste und vorbei an Lagunen, auf und ab durch einen Wald und hin und wieder entlang eines Kiesstrandes bis wir letztlich zur südlichsten Post der Welt kommen. Auch hier schießen wir die obligatorischen Bilder und werfen einige vorbereitete Postkarten ein. Mit Mari geht’s dann wieder zurück in die Stadt, wo sie uns vier an einem Supermarkt absetzt. Hier besorgen wir uns alles zum Pizzabacken und einige Flaschen Wein, da wir den Silvesterabend zu viert verbringen wollen. Nachdem wir uns alle zwei Stündchen ausgeruht haben, kommen Lisa und Valentin also zu uns ins Hostel und wir verbringen einen lustigen Abend mit Apéro, Pizzabacken und -essen und dem Wein. Feuerwerk gibt es keines um Mitternacht (wegen hoher Waldbrandgefahr) und die Straßen sind leer, also stoßen wir mit einem japanischen Paar an, was auch in unserem Hostel ist. Gegen 2 Uhr machen wir uns auf den Weg in die einzige offene Bar, wo wir Manon und Theo treffen. Wir tanzen bis die Sonne aufgeht und darüber hinaus, denn soweit südlich ist bereits um 4 Uhr Sonnenaufgang. In der Bar sind kaum Touristen, sondern fast ausschließlich Argentinier, die die unzähligen Raggaetonlieder alle auswendig mitgrölen. Dazwischen wird fleißig Salsa getanzt. Um sechs fallen wir dann glücklich und müde ins Bett. Wie zu erwarten, verbringen wir den nächsten Tag ganz traditionell damit, nicht viel zu tun.

Ushuaia bei gutem Wetter

Die nächsten zwei Tage sind unsere letzten in Patagonien und wir mieten einen Mietwagen gemeinsam mit Manon und Theo. Damit erkunden wir das Umland ein wenig und fahren zu den Startpunkten verschiedener Wanderungen. Am ersten Tag wandern wir im konstanten Regen durch den Matsch zur wirklich schönen Laguna Esmeralda und essen im Anschluss Mittag im Auto. Da uns allen zehn Kilometer nicht reichen, es ohnehin lange hell ist und wir auch noch nicht nass genug sind, fahren wir im Anschluss zum Fuß des Gletscher Vincinguerra. Hier starten wir den Aufstieg zum Beginn der Eisfläche und der Gletscherlagune Namens Laguna Témpanos. Der Aufstieg ist sehr steil und wegen des vielen Regens matschig und rutschig und so entscheiden Ann und Manon abzubrechen und in einem gemütlichen Cafe mit Ofen und Gletscherblick zu warten, während Theo und Max weiter aufsteigen. Die Mühen lohnen sich, hier ist weniger los als an der Laguna Esmeralda und der Gletscher im Hintergrund ist einmal mehr beeindruckend. Wegen des harten Hagels wandern Max und Theo aber nicht mehr um die Lagune herum bis zum Beginn des Eises, sondern machen sich bald wieder an den Abstieg. Hier finden sie Ann und Manon glücklich nach ihrer heißen Schokolade im Warmen.

Laguna Esmeralda, Ushuaia

Gemeinsam geht’s wieder zurück nach Ushuaia, wo wir uns noch ein letztes Bier in Patagonien gönnen. Am nächsten Morgen machen wir uns zu viert früh um sieben Uhr auf in Richtung Nationalpark, bevor die Ranger ihren Dienst antreten. So sparen wir uns, den überteuerten Parkeintritt ein zweites Mal zu zahlen. Mit einem Eintritt haben wir unserer Meinung nach unseren Beitrag zur Erhaltung der Infrastruktur geleistet. Nach der schönen Küstenwanderung steht heute die Besteigung des Cerro Guanaco 981m.ü.n.N und damit 981 m über uns auf dem Programm. Genau als wir losgehen, hört es auf zu regnen und so läuft es sich beschwingt. Nach wenigen Metern sehen wir einen großen Magellanspecht bei der Arbeit. So nah haben wir bislang noch keinen gesehen. Ann wandert etwa 40 Minuten mit in Richtung des Cerro Guanaco, entscheidet danach jedoch lieber flach entlang des Sees Lago Roca zu wandern. Auch heute ist der Weg wieder steil und ihr Knie will nicht so richtig. Der Rest von uns erklimmt den Berg über steile Wege und teilweise Geröll und Schnee. Alle sind sich einig, dies ist eine der schönsten Wanderungen in Patagonien. Die ganze Zeit ist es zwar sehr windig, aber immerhin immer wieder sonnig. Kurz vor dem Gipfel kommt dann nochmal ein kurzer Hagelschauer, danach bleibt es aber sonnig. Also verzehren Max, Manon und Theo oben einen Snack, bevor es dann doch zu kalt wird. Das Mittagessen muss warten, bis sie wieder im Schutz der Bäume sind. Ann wartet nach ihrer Wanderung im Café des Besucherzentrums und genießt die tolle Aussicht auf die Berge und Wildpferde. Anschließend fahren wir nochmal zur südlichsten Post, da diese am 31. Dezember leider geschlossen war und Ann unbedingt einmal rein möchte. Dort begegnen wir dem einzigen Angestellten und selbsternannten Premierminister der Isla Rodonda, seiner eigenen Insel im Beaglekanal. Er ist ein wenig schrullig, das kommt wohl vom vielen Karten stempeln und der Einsamkeit, aber liebenswert. Alles in allem ist dies ein kurioser Ort – wir sind für sowas ja immer zu haben. Abends fahren Manon und Theo uns dann zum Flughafen, hier heißt es Abschied nehmen. Von Patagonien sicherlich für lange Zeit, von den beiden vielleicht nicht so lange. Ein heftiger heftiger Wind begleitet uns die wenigen Meter von Auto zum Terminal, so als wolle uns auch Patagonien nochmal zum Abschied grüßen. Zweieinhalb unvergessliche Monate haben wir uns hier herumgetrieben und wir lassen nochmal Revue passieren, was wir alles gesehen und erlebt haben. Ein einziges und echtes Highlight!

Cerro Guanaco ganz rechts oben, Nationalpark Tierra del Fuego

Und am Ende gibt’s dann noch unser neues Youtube Video:

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