Carretera Austral – über Caleta Tortel nach Villa O’Higgins

Nach einer ruhigen Nacht an unserem wunderschönen Platz sieht Ann morgens direkt nach dem Aufstehen einen Kondor auf der Wiese am Fluss sitzen. Max ist leider zu langsam. Aber da wir nun schon beide wach sind, frühstücken wir in der Sonne und genießen die Aussicht auf den Fluss und die Berge. Danach fahren wir wieder los. Heute haben wir das Ziel, einige Kilometer runter zu reißen. Die Landschaft bleibt allerdings weiter so schön, dass wir tatsächlich alle paar Kilometer an Aussichtspunkten stehen bleiben müssen. Ein schweres Leben haben wir.

Nach einer Weile sehen wir mindestens 5 Kondore über einem Felsen direkt neben der Straße kreisen. Wir beobachten die Greifvögel einige Minuten und machen uns dann wieder auf den Weg zum nächsten kurzen Zwischenstopp in Coyhaique, der größten Stadt entlang der Carretera Austral, um einige frische Sachen einzukaufen. Die Strecke führt uns mitten durch die Berge, hier ist die Carretera Austral mal wieder nicht asphaltiert und Max weicht fleißig Schlagloch um Schlagloch aus. Südlich der Stadt geht es so weiter, nur die Landschaft sieht ganz anders als nördlich aus. Wir fahren durch canyonartige Felsformationen und die Temperatur wird deutlich kühler. Als wir in den Nationalpark Cerro Castillo fahren, liegen sogar noch Reste von Schnee auf einigen Wiesen unterhalb der Berghänge. Am höchsten Punkt der kurvigen Straße halten wir an einem Aussichtspunkt mit Blick auf den bekannten burgartigen Berg Cerro Castillo. Dann schrauben wir uns mit der Straße wieder hinunter ins Tal, vorbei am kleinen Ort Villa Cerro Castillo, immer weiter nach Süden. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen und wir haben uns bereits einen Wildcampingspot im kleinen Dorf Bahia Murta als Tagesziel ausgesucht. Über die App iOverlander kann man gute Campingspots, Campingplätze und Geheimtipps einsehen, die andere Nutzer veröffentlicht haben. Die Einträge können auch kommentiert werden, sodass man anhand der Erfahrungen die Plätze gut einschätzen kann. Nach der Pandemie sind jedoch immer wieder Einträge nicht mehr aktuell, aber im Großen und Ganzen ist iOverlander sehr hilfreich. Bevor wir allerdings endgültig ankommen, gönnt sich Max noch ein schnelles Bad im eiskalten Fluss Rio Murta. Für Ann gibt’s aufgrund der Wassertemperatur nur eine Katzenwäsche später am See. Die letzten Kilometer auf der Schotterstraße gehen dann überraschend schnell vorbei und wir bauen unser Zelt vor der atemberaubenden Kulisse des Sees Lago General Carrera auf. Direkt neben unserem Zeltplatz ist ein kleiner Bootsanleger, an dem Angler gerade vom See zurückkommen. Wir fragen, ob es okay sei, hier zu übernachten und kommen ins Gespräch. Und wieder einmal erleben wir super herzliche Chilenen, die uns prompt zwei dicke Lachsforellen schenken. Wir freuen uns riesig, auch wenn die Zubereitung auf unserem Kocher in der kleinen Pfanne eine Herausforderung ist. Mit viel Geduld und in mehreren Portionen (inzwischen mit Stirnlampe, da es dämmrig wird) braten wir uns die Fische mit Knoblauch und Olivenöl. Dazu gibt es im See gekühlten Weißwein und wir genießen einfach nur den traumhaften Blick über den zweitgrößten See Südamerikas in der einsetzenden Dämmerung. Als wir mit allem fertig sind, fängt es an zu regnen, das war perfektes Timing.

Lago General Carrera, Chile

Am nächsten Morgen regnet es immer noch, aber genau als wir aufstehen hört es auf und die Sonne kommt wieder zum Vorschein. Wir bauen wie üblich unser Zelt ab, frühstücken und machen uns auf den Weg entlang des Lago General Carrera. Der See schimmert in der Morgensonne herrlich blau. Wir fahren wieder Mal durch eine absolute Postkartenlandschaft – strahlend blauer Himmel, immer höhere Berge, die am Rand des Sees empor ragen und mit Schnee bedeckt sind. So fahren wir weiter und passieren irgendwann den kleinen Ort Bertrand. Ab hier windet sich durch einen Canyon der Rio Baker – wir müssen immer wieder hinschauen, so unwirklich türkis ist das Wasser. Wir haben beide noch nie so einen türkisen Fluss gesehen und man könnte wirklich vermuten, dass Schwimmbadfliesen am Grund des Fluss liegen. Aber nein, die Farbe ist wirklich natürlich und wird durch die aus den Gletschern gelösten Mineralien erzeugt. Wir stoppen an einem Mirador, an dem wir einige Stromschnellen im Fluss beobachten. Ein Raft mit einem Steuermann und einem Angler kommt vorbei. Auf so eine spaßige Art zu angeln, können wir uns auch gut vorstellen. Als nächstes halten wir dann am Zusammenfluss des Rio Baker mit dem Rio Neff. Unweit der Carretera Austral liegt die Stelle, an der die beiden Flüsse aufeinander treffen. Über einen kurzen Weg mit rötlicher Erde wandern wir die Strecke dorthin. Der Rio Baker stürzt einen breiten Wasserfall hinunter und dessen Wassermassen mischen sich mit jenen des Rio Neff. Türkis und braun verlaufen ineinander, eine spektakuläre Kulisse wie aus einem Film. Die Natur bietet uns hier jeden Tag neue Highlights. Die Sonne brennt wieder erbarmungslos und wir hätten vielleicht doch die Sonnencreme mitnehmen sollen, auch wenn wir nicht lange unterwegs sind. Wir schaffen es dennoch ohne Sonnenbrand zurück zum Parkplatz.

Zusammenfluss Rio Baker/ Rio Neff, Chile

Die Carretera folgt ab hier dem Canyon und windet sich weiter durch die Berge, vorbei am Eingang des Parque Nacional Patagonia. Immer wieder sehen wir tief unter uns das Türkis des Flusses aufleuchten. Die Schotterstraße wird immer schmaler, nicht mehr asphaltiert ist sie schon seit etlichen hundert Kilometern. Je weiter südlich wir fahren, desto mehr haben wir das Gefühl die Zivilisation hinter uns zu lassen. Auch die Punkte, an denen wir mobiles Internet empfangen, werden immer seltener. Die Carretera Austral soll eigentlich zu 80% asphaltiert sein, aber wir wundern uns, wie die 80% zustande kommen sollen. Immerhin hört der Asphalt schon nach etwa der Hälfte der Carretera komplett auf. Vielleicht gilt Schotter nach chilenischer Definition als Asphalt? Ein Mysterium, aber unser „Offroad-Polo“ macht sich sehr gut. Manchmal sind die Bodenwellen und Schlaglöcher so heftig, dass wir kurz die Luft anhalten. Aber mit langsamen Drüberfahren, wo es keinen Weg drumherum gibt, meistern wir alle Manöver. Die fetten Geländewagen und Pickups brettern im Vergleich zu uns geradezu über die Schotterstraßen und scheinen dem Prinzip „der schwächere weicht aus“ zu folgen.

Wir entscheiden spontan, weiter über einen Seitenarm der Carretera noch bis zu dem abgelegenen Örtchen Caleta Tortel zu fahren. Das auf Stelzen am Rande des Nationalparks Laguna San Rafael und direkt am Ufer des größten Fjordes der Welt gebaute Dorf ist vor allem für die Lachsfischerei bekannt. Von hier aus ist das Eisfeld mitsamt Gletschern des Nationalparks Laguna San Rafael nur einen Steinwurf entfernt. Je näher wir an Caleta Tortel kommen, desto kälter wird es. Wir kommen erst um 19 Uhr an und der einzige Campingplatz ist geschlossen. Überhaupt wirkt das ganze Dorf eher trostlos. Alle Restaurants sind geschlossen, das scheint auch für die meisten Unterkünfte zu gelten. Da das Dorf auf Stelzen gebaut ist, kommt wildcampen hier leider auch nicht in Frage. Nachdem wir eine Cabaña ausfindig machen, die wir zum stolzen Sonderpreis von 50.000 Pesos (53€) mieten könnten, finden wir zum Glück noch ein deutlich günstigeres Zimmer in der einzigen geöffneten Hospedaje. Aus unserem Fenster haben wir sogar Aussicht auf den Fjord und vor unserem Zimmer heizt ein kleiner Ofen, sodass es immerhin nicht komplett kalt ist. Wir hatten nicht geplant heute Nacht in einem Bett zu schlafen, aber wir freuen uns natürlich über den unverhofften Komfort. Morgens laufen wir noch den unteren Steg am Ufer entlang bis zum Hafen und steigen hinauf zu einem kleinen Aussichtspunkt. Die Fjordlandschaft ist beeindruckend, aber Caleta Tortel selbst hatten wir uns hübscher vorgestellt. Als wir gerade unsere Sachen aus dem Zimmer holen, kommen wir mit einem Deutschen im Nachbarzimmer ins Gespräch. Er lebt seit 40 Jahren in Chile und vermißt als Geodät Gletscher. Sein Kollege ist gerade dabei, ein Team von Forschern abzuholen, die das Gletscherfeld überquert haben. Auch hier schreitet die Gletscherschmelze leider immer weiter voran. Der Deutsche brennt auf jeden Fall für das, was er tut und wir lauschen interessiert seinen Ausführungen. Leider müssen wir uns dann verabschieden, denn es gibt täglich nur zwei Fähren mit der man den Mitchellfjord überqueren kann, um zum letzten Stück der Carretera Austral zu kommen.

Caleta Tortel, Chile

Wir fahren also zum ca. 50 km entfernten Fähranleger, um die Fähre um 12 Uhr zu bekommen. Als wir um halb 12 ankommen, stehen schon jede Menge Autos, ein Bus und eine ganze Gruppe Motorradfahrer in der Warteschlange. Leider passsen nicht alle auf die Fähre, daher kommt der Kapitän glücklicherweise nochmal zurück, um uns und die anderen auch über den Fjord zu bringen. Von dort sind es noch knapp 100 km bis zum südlichen Ende der Carretera Austral in Villa O’Higgins. Wir lassen uns Zeit für die Strecke und halten immer wieder an Aussichtspunkten mit Blick auf die umliegenden Berge, Lagunen und Gletscher. Villa O’Higgins trägt nicht zu unrecht den Beinamen „Hauptstadt der Gletscher“. An einem  Wasserfall am Straßenrand halten wir an, um unsere Wasserkanister aufzufüllen. Das Wasser kommt direkt von einem der Gletscher und ist eiskalt. Wer hätte gedacht, dass wir Mal selbst gezapftes Gletscherwasser vom südlichsten Eisfeld außerhalb der Antarktis trinken würden?

Als wir schließlich in dem kleinen Dorf Villa O’Higgins ankommen, fühlt es sich an, als hätten wir das Ende der Welt erreicht. Es sind fast alle Unterkünfte geschlossen, Restaurants ebenfalls und Internet gibt es, wenn überhaupt, nur spärlich. Immerhin verfügt der Ort über eine eigene Radiostation samt riesiger Satellitenschüssel. Wir fahren durch den Ort zum offiziellen Ende der Carretera Austral, hier machen wir natürlich auch das obligatorische Bild mit dem Schild, welches das Ende der 1.247 km langen Carretera Austral verkündet. Uns pfeift der Wind um die Ohren und wir sind glücklich über die Entscheidung, die Carretera Austral bis zu ihrem südlichsten Ende zu fahren. Anschließend suchen wir einen Platz, an dem wir unser Zelt aufbauen können. Wir schauen uns einen Wildcampingspot an, aber die Stelle ist nah am Fluss und vor allem auf gleicher Höhe, sodass das Gebiet bei einem plötzlichen Anstieg des Flusses überflutet würde. Ann entdeckt jedoch ein paar Meter oberhalb eine kleine Straße, die zu einer Grasfläche über der ursprünglich angedachten Stelle führt. Hier oben haben wir das Beste aus beiden Welten: eine ebene Grasfläche für unser Zelt und hoch genug über dem Fluss gelegen. Die tolle Aussicht über den türkisen Fluss und die Berge mitsamt Gletscher gibt’s gratis dazu. Unser Platz ist perfekt und definitiv einer unserer schönsten Übernachtungsplätze, es gibt nur ein Problem: Millionen Mücken umschwirren uns. Wir kochen also schnell und verkriechen uns dann zum Essen ins Auto.

Am nächsten Morgen brechen wir zu einer Wanderung auf, die praktischerweise nur wenige Meter von unserem Zeltplatz entfernt startet. Wir wandern hinauf zu einer Lagune, vorbei an mehreren Aussichtspunkten über die Gletscher und genießen die Blicke über die weite Landschaft. Bei jedem Schritt müssen wir allerdings aufpassen, nicht auf einen der unzähligen Frösche zu treten, die mitten auf dem Weg sitzen. Der Wanderweg führt uns durch felsiges Terrain und wir halten nach Pumas Ausschau. Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, tatsächlich welche zu Gesicht zu bekommen, da die Pumas Menschen meiden. Kaum sprechen wir über  Pumas, entdeckt Ann plötzlich Pumaspuren im sandigen Untergrund. Die Pfotenabdrücke sind ziemlich groß und direkt neben den großen Spuren sehen wir weitere kleine Abdrücke. Wir vermuten, dass eine Pumamutter mit ihrem Baby unterwegs war. Ann ist nun doch froh, nur die Spuren und keinen lebenden Puma gesehen zu haben.

Ausblick auf Gletscher bei Villa O’Higgins

Nach der Wanderung fahren wir in Richtung Fähre, nun geht es für uns auf der Carretera Austral wieder zurück Richtung Norden. Wir haben noch genug Zeit für eine entspannte Mittagpause an einem der Aussichtspunkte mit Picknickbank und außerdem füllen wir nochmal unsere Wasserkanister mit Gletscherwasser am Wasserfall auf. Da sich der Fahrplan der Fähre geändert hat, aber die neuen Zeiten noch nicht auf den Schildern angepasst waren, müssen wir über eine Stunde am Fähranleger warten. Es regnet in Strömen und wir beschließen, nach der Fährpassage nur noch etwa 50 Kilometer bis zu einer Farm mit Campingplatz zu fahren, da wir es vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr über die kurvige Straße nach Cochrane schaffen. Als wir auf der Farm Risquero ankommen, sind wir direkt begeistert von der Gastfreundschaft der Besitzerin Doña Orphelia. Sie begrüßt uns herzlich und schenkt uns frisch gebackenes Brot. Inzwischen hat es wieder aufgehört zu regnen und so können wir trockenen Fußes unser Zelt aufbauen. Abgelenkt werden wir dabei immer wieder von einem kleinen Lämmchen, das super zutraulich ist, weil es mit der Flasche großgezogen wird. Die Aussicht auf die umliegenden Berge ist ein weiteres Mal fantastisch und Ann mutmaßt, dass es wahrscheinlich auf der ganzen Carretera keine Stelle ohne tolle Aussicht gibt.

Am nächsten Morgen fahren wir weiter nach Cochrane und gehen dort in die Touri-Info. Da die Ranger der chilenischen Nationalparks einen nationalen Streik ausgerufen haben, ist im Parque Nacional Patagonia offiziell nur ein Sektor geöffnet. Wir fahren trotzdem zu dem anderen Eingang und während unserer Fahrt dorthin sehen wir viele Herden mit Guanakos. Die Guanakos sind eine Lamaart, aber deutlich größer und stämmiger als normale Lamas. Beim Mittagessen können wir aus unserem Auto heraus die Guanakos beim Herumtollen beobachten. Wir wollen eine Wanderung zum Mirador Douglas Tompkins machen, oder zumindest sehen, ob wir trotz des Streiks irgendwo auf den Weg kommen. Nach 30 km gibt es für unseren Offroad-Polo jedoch kein Weiterkommen mehr, da sich auf der Straße ein halber See gebildet hat. Die Straße zu einer anderen Wanderung ist ebenfalls zu holperig, aber wir fahren die Strecke ein Stück weit für tolle Blicke und wir sehen einen riesigen Papageienschwarm und Kondore. Der Campingplatz in diesem Sektor ist tatsächlich aufgrund des Streiks mit einem Traktor blockiert, deshalb fahren wir anschließend in den offenen Sektor Tamango. Wir sind bisher die einzigen Besucher und so suchen wir uns auf dem Campingplatz den besten Platz mit Blick über den Rio Cochrane aus. Der Rio Cochrane ist hier so breit, er wirkt wie ein kristallklarer See. Tatsächlich ist der Fluss mit einer Sichtweite von 41 Metern einer der klarsten Flüsse Südamerikas und Max lässt es sich nicht nehmen auch hier wieder für ein, wenn auch kurzes, Bad in das eiskalte Wasser zu springen. Wir genießen die Sonne und Ruhe auf dem menschenleeren Campingplatz und trinken Mal wieder einen im Fluss gekühlten Weißwein. Als die Sonne untergeht, wird es jedoch schnell kalt und Ann freut sich über die heißen Campingplatzduschen. Wir sind immer noch überrascht, wie schnell die Temperatur hier von heiß zu kalt wechseln kann.

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