Die Patagonien-Feuertaufe

Von Puerto Varas aus nehmen wir abermals schwer bepackt morgens einen Bus nach Ensenada. Wir hatten gehört, das sei ein guter Ausgangspunkt, um den See namens Lago Todos Los Santos und Petrohue zu besuchen und dort habe es immerhin noch ein wenig Zivilisation. Doch vor jeglichem Sightseeing bauen wir erstmal unser Zelt auf diesem sehr spartanischen Campingplatz auf. Es gibt zwar für jeden Stellplatz einen Picknicktisch mit Bänken, aber leider keinerlei überdachte Kochmöglichkeit. Dafür ist die Nacht aber sehr teuer, wir bezahlen hier mehr, als wir in Ecuador für ein schönes Doppelzimmer mit Bad ausgegeben haben. Immerhin gibt es heiße Duschen, die, soviel vorweg, wir trotz Kälte in den zwei Nächten nicht genutzt haben. Alternativen zu diesem Campingplatz gibt es allerdings nicht, daher nehmen wir es eben wie es kommt. Während wir es uns also gemütlich einrichten, stürmt es extrem und das stellt sich als weitere gute Härteprüfung für unser Zelt heraus, die es mit Bravour besteht. Nachdem wir kurz den Strand besichtigt haben, an dem der Zeltplatz liegt, fahren wir zu den Saltos de Petrohue. Das ist ein schweizer Käse aus Vulkangestein, durch den eisblaues Gletscherwasser rauscht und sich am Ende in einem niedrigen aber breiten Wasserfall wieder ins Flussbett ergießt. Während wir das tosende Spektakel beobachten, fängt es an zu regnen und wir freuen uns schon auf die Nacht im Zelt. Im Bus zurück wird der Regen immer heftiger und auch der Wind wird immer stärker. Um die Situation wenigstens halbwegs ertragen zu können, kaufen wir in einem Lädchen gegenüber des Campingplatzes noch Wein. Nach kurzem Überlegen entscheiden wir uns spontan auch gegen das Kochen (mangels Dach) und lassen uns einige Sandwiches machen, die wir sofort (auf einer überdachten Bank vor dem Lädchen) verspeisen. Doch es nützt alles nichts, irgendwann müssen wir durch den Regen zu unserem Zelt hechten und verkriechen uns. Zum Glück ist das Zelt einigermaßen von Bäumen geschützt und so nehmen wir nicht allzu viel Wasser mit ins Zelt. Um unser Glück nicht auf die Probe zu stellen, lassen wir die Dusche jedoch heute sein. Es ist erst sieben Uhr und immer noch hell, also überlegen wir, was wir jetzt machen. Zum Glück haben wir unseren Wein und so wird es ein gemütlicher Abend. Irgendwann lässt der Regen nach, nur der Wind bleibt. Den bisher härtesten Test hat unser Zelt aber mit Bravour gemeistert und so loben wir es überschwänglich, bevor wir doch irgendwann einschlafen.

Saltos de Petrohue, Ensenada

Am nächsten Morgen wollen wir um acht und damit für chilenische Verhältnisse zu geradezu unchristlicher Zeit, den Bus zum kleinen Hafen von Petrohue am Lago Todos los Santos nehmen. Dieser kommt dann auch um Viertel vor neun, in der Zwischenzeit sind noch zwei Anwohner aufgetaucht, mit denen wir uns unterhalten. Fast noch mehr als in anderen Ländern Südamerikas ist dies in Chile gängige Praxis, um sich die Zeit zu vertreiben. Nach etwa dreißig Minuten Recht eintöniger Busfahrt, teilt uns der Fahrer mit, hier sei Endstation. Dort wollten wir auch hin, jedoch ist hier nichts los. Es gibt ein einsam dastehendes Hotel, einen geschlossenen Laden mitsamt ebenso verrammelter Cafeteria und einen Steg, an dem einige kleine Boote und ein großer Katamaran liegen. Nur Menschen sind nicht zu sehen. Wir wissen, dass das Boot über den See irgendwann zwischen zehn und elf ablegen soll, also laufen wir ein wenig am schwarzen Strand entlang und betrachten dabei die wolkenverhangenen Berge. Wir ärgern uns ein wenig, dass die Sicht auf die um uns herum aufragenden mutmaßlich Schnee bedeckten Berge versperrt ist. Da wissen wir noch nicht, dass wir eigentlich Glück mit dem Wetter haben. Später wird der Guide auf dem Schiff uns sagen, dass heute heftiger Regen erwartet war. Gegen zehn Uhr taucht ein Bus auf, aus dem zwei Männer steigen, die prompt damit beginnen, Berge von Gepäck auszuladen und über den Steg zu dem Katamaran zu tragen. Das Schiff, mit dem wir heute fahren wollen, ist Teil einer (sehr teuren) Route nach Argentinien, die scheinbar doch eine Menge Touristen heute zu nehmen gedenken. Also fragen wir die beiden, ob wir mitfahren könnten, woraufhin diese uns an Board willkommen heißen und mitteilen, das Boot lege um elf Uhr ab. Als erste Passagiere sichern wir uns natürlich die Plätze ganz vorne an den Panoramascheiben und warten auf die weiteren Passagiere. Irgendwann fährt der Bus weg und kommt kurze Zeit voller Passagiere zurück. Eine ganze Reisegruppe aus den USA, die heute nach Argentinien überzusetzen. Kaum sind alle an Board geht auch schon die Überfahrt los. Die Fahrt ist kurzweilig und wir bekommen beeindruckende Panoramen geboten, während ein Guide hin und wieder Dinge über die umliegenden Berge und die Geschichte der Gegend erklärt. Zwei Stunden später kommen wir am gegenüberliegenden Ufer im kleinen 120-Seelen Ort Peulla an, wo wir unsere Sandwiches verspeisen und vor der Rückfahrt noch genug Zeit für eine zweistündige Wanderung zu einem kleinen Wasserfall haben. Als weiteres Highlight unseres Ausfluges gönnen wir uns im einzigen Hotel des Ortes Kaffe und Kuchen, der hier in Chile tatsächlich Kuchen genannt wird. Ein Überbleibsel der deutschen Einwanderer, deren Geschichte gerade hier im Süden omnipräsent ist. Schließlich geht es beladen mit anderen Passagieren, die aus Argentinien kommen, wieder zurück nach Petrohue, wo der letzte Bus gerade abgefahren ist. Kurzerhand lädt uns der Guide ein, mit der Gruppe zu fahren und so kommen wir netterweise für lau wieder zu unserem Zelt. Und es regnet tatsächlich immer noch nicht! Wir können unser Glück kaum fassen und zögern nicht lange, unsere Nudeln für heute zu kochen. Das stellt sich auch als gute Entscheidung heraus, haben wir doch kaum aufgegessen, da fallen bereits die ersten Tropfen. Das ist jedoch nicht weiter schlimm, wartet im Zelt ja noch der Rest des Weins von gestern.

Lago Todos los Santos, Peulla

Am nächsten Morgen liegen wir in einer kleinen Pfütze. Es hat scheinbar so stark geregnet, dass in Kombination mit dem Wind Wasser unters Außenzelt gekommen und ins Innenzelt eingedrungen ist. Kalt und nass entscheiden wir uns, die dritte Nacht Zelten genauso wie unsere geplante Wanderung sein zu lassen und uns wieder nach Puerto Varas zu begeben. Die Idee ist, alles vernünftig zu trocknen, nochmal Wäsche zu waschen und ein wenig Zivilisation genießen, bevor es für über drei Wochen in die Wildnis der Carretera Austral geht. Dafür haben wir ein kleines Häuschen mit zwei Schlafzimmern gemeinsam mit einem Chilenischen Pärchen, mit denen wir zwei nette Abende verbringen. Tagsüber sind die beiden beim Sightseeing, während wir ein wenig planen, Bilder sichern, Videos schneiden usw. Arbeit eben!

Nach zwei Tagen geht’s für uns dann morgens mit dem Shuttle nach Puerto Montt zum Flughafen. Dort erwartet uns unser kleiner Polo-Verschnitt aus brasilianischer Fertigung, der bis auf die Karosserie mit dem europäischen Pendant nicht viel zu tun hat. Aber fahren kann er und auch die Federung funktioniert auf dem ersten bisschen Schotterpiste. Wir taufen ihn Flummi. An diesem ersten Tag können wir jedoch leider noch nicht viel erleben, können wir doch erst abends mit einer Nachtfähre zu unserem Startpunkt der Carretera Austral fahren. Eine andere Fähre für den Morgen konnten wir mit unseren deutschen Kreditkarten leider nicht buchen, wegen einem langen Wochenende mit zwei Feiertagen ist das Büro der Reederei geschlossen. Immerhin nutzen wir den Tag gut und kaufen so viele Lebensmittel ein, dass ins Auto nichts mehr rein passt. Wir hatten nämlich gelesen, dass weiter im Süden durch den weiten Transport alles immer teurer wird und die Auswahl stark eingeschränkt ist. Daher schlagen wir den Preisen so ein Schnippchen und verfügen nun über eine fahrende Speisekammer. Leider werden wir so keine Hitchhiker mitnehmen können, aber wir setzen drauf, dass diese jetzt in der Nebensaison auch genügend andere Fahrer finden. Den Sonnenuntergang verbringen wir an einem kleinen Strand in der Nähe des Fährterminals und genießen die Freiheit, einfach irgendwo mit dem eigenen Gefährt hinfahren zu können. Dabei beobachten wir eine Familie, die ausgelassen im Meer tobt bei geschätzten 13 °C Wassertemperatur und eisigen Wind. Wir kommen zu dem Schluss, dass die Chilenen in Sachen „Die Badesaison beginnt im Frühjahr“ ähnlich prinzipientreu wie die Niederländer sind. Muss man wohl nicht verstehen, aber bewundern können wir das allemal. Um 21 Uhr geht es mit dem letzten Licht des Sonnenuntergangs zur Fähre, da das Boarding beginnen soll. Der Parkplatz ist auch rappelvoll, nur leider ist weit und breit keine Fähre sichtbar, obwohl wir um 23 Uhr ablegen sollten. Chile ist eben schon ein Teil Südamerikas und so wundern wir uns nicht, als die Fähre erst um halb elf ankommt. Wir vertreiben uns die Zeit damit zu schlafen, Musik zu hören und Fotos vom Hafen zu machen. Außerdem beobachten wir interessiert, wie die Passagiere im Auto vor uns ihre zwei Katzen spazieren führen.

Hafen von Puerto Montt

Gegen elf beginnt endlich das chaotische Boarding. Scheinbar ohne jedes System werden einzeln Autos, die Durcheinander auf dem Parkplatz stehen, aufgefordert an Board zu fahren. Entsprechend dauert der ganze Prozess gefühlte Ewigkeiten und so legen wir auch mit knapp zwei Stunden Verspätung ab, nachdem wir fast als letzte an Board fahren dürfen. Das Auto neben uns ist inzwischen liegen geblieben, da die Mädels ihre Batterie während des Wartens scheinbar ein wenig zu lange strapaziert haben. Hilfsbereite Chilenen organisieren jedoch Starthilfe und so schaffen es auch die letzten Passagiere auf die Fähre. Immerhin können wir durch die Verspätung nach einer unbequemen Nacht an Board morgens noch einige Stunden den Blick vom Wasser aus genießen, bevor wir pünktlich zur Mittagszeit in Chaitén ankommen.

Ankunft in Chaitén
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